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Adenauer und die CDU von heute. Warum der Gründungskanzler sich abgewandt hätte.

Adenauer und die CDU von heute. Warum der Gründungskanzler sich abgewandt hätte.

Adenauer und die CDU von heute – Warum der Gründungskanzler sich abgewandt hätte
Heute wäre *Konrad Adenauer* *150 Jahre alt geworden. Ein Jubiläum, das mehr verlangt als ritualisierte Würdigungen.

Heute wäre Konrad Adenauer 150 Jahre alt geworden.

Die ebenso unbequeme wie plausible Antwort lautet: wahrscheinlich nicht.

Adenauer war kein Ideologe, sondern ein freiheitlich denkender Gestalter mit festem Wertefundament. Sein berühmter Satz „Wir wählen die Freiheit“ war keine Parole, sondern eine politische Leitlinie. Freiheit bedeutete für ihn Verantwortung, Ordnung und Selbstbegrenzung des Staates. Sie war Voraussetzung von Demokratie, nicht deren verhandelbares Nebenprodukt. Die heutige CDU hingegen behandelt Freiheit zunehmend als variable Größe, abhängig von politischen Zweckmäßigkeiten. Für Adenauer wäre das ein fundamentaler Bruch mit bürgerlicher Politik gewesen.

Ebenso klar war sein Verständnis staatlicher Autorität. Aus der Erfahrung von Weimar zog er eine nüchterne, pragmatische Lehre: Ein Staat, der seine Ordnung nicht durchsetzt, gefährdet Freiheit und Zusammenhalt. Ordnung war für ihn kein Selbstzweck, sondern Ausdruck staatlicher Verantwortung. Die CDU der Gegenwart setzt dem häufig eine werteorientierte Rhetorik ohne Durchsetzung entgegen: Worte statt Wirkung. Adenauer hätte darin keinen Humanismus, sondern staatliche Schwäche erkannt.

Auch wirtschaftspolitisch folgte Adenauer einer klaren freiheitlichen Ordnungsvorstellung. Die soziale Marktwirtschaft war für ihn ein Regelwerk, das Eigenverantwortung ermöglicht und soziale Sicherheit gewährleistet, nicht ein Instrument permanenter staatlicher Eingriffe. Preisbremsen, Subventionspolitik und industriepolitische Detailsteuerung wären ihm als Abkehr von freiheitlicher Ordnungspolitik erschienen. Die CDU hat diesen Kompass zunehmend verloren.

Besonders deutlich wird die Entfremdung in der Europapolitik. Adenauer war Europäer aus Überzeugung, aber pragmatisch genug, Europa nicht zu idealisieren. Integration war für ihn Mittel zur Sicherung von Frieden und Freiheit. Nicht Ersatz demokratischer Verantwortung. Nationale Parlamente blieben für ihn unverzichtbar. Die heutige CDU akzeptiert die fortschreitende Zentralisierung der EU oft widerspruchslos. Adenauer hätte gefragt, ob dies noch einem freiheitlichen, werteorientierten Europa dient oder lediglich politischer Bequemlichkeit.

Hinzu kommt, dass Adenauer den politischen Streit nicht scheute. Er verstand Demokratie als Wettbewerb der Argumente und suchte den Konflikt, wenn Grundfragen berührt waren. Konsens um jeden Preis war ihm fremd. Die CDU der Gegenwart meidet den offenen Konflikt häufig aus taktischen Gründen. Das Ergebnis ist Anpassung statt Führung; ein Politikstil, der Adenauers pragmatischem Verantwortungsverständnis widersprochen hätte.

Konrad Adenauer Lebenslauf – Die wichtigsten Daten

Warum also die These, Adenauer würde sich heute eher in der WerteUnion wiederfinden?

Adenauer hätte dort keine Nostalgie gesucht, sondern Prinzipientreue. Er hätte den Mut geschätzt, Freiheit nicht ständig neu zu relativieren, sondern klar zu verteidigen. Er hätte verstanden, dass Europa nur dann stark bleibt, wenn Nationalstaaten handlungsfähig bleiben. Und er hätte die Idee begrüßt, Politik wieder als Wertegemeinschaft zu begreifen, nicht als reinen Koalitions- oder Verwaltungsbetrieb.

Dass Adenauer heute, an seinem 150. Geburtstag, von nahezu allen politischen Lagern beansprucht wird, ist Ausdruck seiner historischen Größe, aber auch ein Zeichen inhaltlicher Beliebigkeit. Denn Adenauer war kein Konsenspolitiker. Er war ein freiheitlicher Staatsmann mit festen Werten und pragmatischem Machtinstinkt.

Adenauer war kein Konservativer aus Gewohnheit, sondern aus Verantwortung. Er hätte eine CDU, die Freiheit relativiert, Ordnung delegiert und Prinzipien verwässert, nicht wiedererkannt. Sein 150. Geburtstag ist deshalb kein Anlass für bloße Erinnerungspolitik, sondern für eine freiheitlich-werteorientierte-pragmatische Selbstprüfung: Genau dort, wo die WerteUnion ihren Anspruch formuliert.

Text, Bild, Gestaltung: Ingo Wendelken
Quelle: Bundesarchiv, BArch Plak 005-004-029, Wahlplakat CDU 1949 (bearbeitet)

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